Vor 80 Jahren: Opel startet das Raketenzeitalter

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Anstelle des Triebwerks sitzt unter der Motorhaube nur das eigens entwickelte, elektrische Zündsystem, das Pilot Kurt C. Volkhart vor dem Start noch einmal kontrolliert. foto:opel

Vor 80 Jahren: Opel startet das Raketenzeitalter
Auf der Rüsselsheimer Rennbahn sorgt der RAK 1 für Furore

Rüsselsheim. Vor internationaler Presse beginnt am 11. April 1928 auf der Rüsselsheimer Opel-Rennbahn das Raketenzeitalter mit der ersten öffentlichen Fahrt des RAK 1. Um 16.30 Uhr hebt Opel-Ingenieur und Rennfahrer Kurt C. Volkhart den Arm als Zeichen zum Start, die ersten von zwölf Raketen in seinem Rücken zünden, unter lautem Heulen verschwindet der Raketen-Wagen RAK 1 im Rauch. Nach nur acht Sekunden erreicht der RAK 1 Tempo 100, die Fahrt wird zum Triumph einer neuen Technologie, die es letztendlich möglich macht, den Weltraum zu erobern…


Basis des RAK 1 ist ein Opel 4 PS-Fahrgestell, auf dessen Heck ein Stahlkasten für die Aufnahme der zwölf Feststoffraketen der Firma Friedrich Wilhelm Sander installiert ist. foto:opel

„Der Vorstoß in den Weltenraum“

Die Eroberung des Orbits beginnt im Jahr 1927. Der Südtiroler Astronom, Testpilot und Publizist Max Valier, Verfasser des Werks „Der Vorstoß in den Weltenraum“, sucht bei Fritz von Opel Unterstützung für seine Forschung an einem „Raketen-Motor“. Der Enkel des Firmengründers Adam Opel, selbst Rennfahrer und Flieger, erkennt die Möglichkeiten der Raketen-Technik und die Werbewirkung für die Marke Opel. Fortan wird in Rüsselsheim an der neuartigen Technologie geforscht, auf einem eigens konstruierten Prüfstand die Schubkraft unterschiedlicher Raketen-Typen gemessen. Die hochmodernen Feststoff-Raketen liefert der Ingenieur und Raketenkonstrukteur Friedrich Wilhelm Sander aus Wesermünde bei Bremerhaven.

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Am 12. März 1928 beginnen unter strengster Geheimhaltung die ersten Testfahrten auf der Opel-Rennbahn. Als Versuchsträger dient ein Opel 4/12 PS „Laubfrosch“. Aus Sicherheitsgründen treiben das Fahrzeug zuerst nur zwei Raketen an: eine „Seelenrakete“ für den Start sowie ein „Dauerbrander“ für anhaltenden Schub. Am Steuer sitzt der Opel-Ingenieur und Rennfahrer Kurt C. Volkhart. Die Fahrt endet nach 35 Sekunden, in denen lediglich 150 Meter zurückgelegt werden. Weitere Testläufe mit stärkeren Raketen führen schnell zu den erhofften Resultaten. Einen Monat später ist alles bereit für die ersten öffentlichen Demonstrationsfahrten.


innerhalb von 8 Sekunden beschleunigen die Raketen den RAK 1 auf Tempo 100. Nur sieben von zwölf Raketen zünden, aber die Öffentlichkeit zeigt sich begeistert. foto: opel

„Raketenantrieb – ein erfolgreicher Versuch der Opel-Werke“

Für den 11. April 1928 kündigt das Unternehmen die Premiere des Raketenwagens auf der hauseigenen Opel-Bahn an. Das 1920 eingeweihte Beton-Oval bei Rüsselsheim ist die erste permanente Versuchs- und Rennstrecke Deutschlands. Der RAK 1 getaufte Raketenwagen verfügt über eine aerodynamische Kühler-Attrappe, im Motorraum befindet sich lediglich die speziell für die Fahrten mit Raketenantrieb entwickelte, elektrische Zündanlage. Durch wiederholtes Durchtreten eines Fußpedals zündet Pilot Kurt C. Volkhart paarweise die zwölf Raketen, die sich in einem Stahlkasten am Heck des RAK 1 befinden. Die Ladung, so wurde nach vielen Versuchen und Messreihen ermittelt, soll für eine vollständige Umrundung des 1,5 Kilometer langen Ovalkurses reichen. Zwei von Volkhart konstruierte, seitlich angebrachte Flügel sorgen für Anpressdruck auf der Vorderachse. Ein Entfernen der Motorhaube überzeugt die geladenen Gäste von der „Motorlosigkeit“ des Fahrzeugs und der Ernsthaftigkeit des Unternehmens.

Väter des Erfolges: Raketenbauer Friedrich Wilhelm Sander, Testpilot und Visionär Max Valier (v.l.) sowie Fritz von Opel (kniend) kurz vor einer der geheimen Testfahrten im März 1928. foto: opel

Um 16.30 Uhr ist es soweit. Kurt C. Volkhart hebt den Arm als Zeichen zum Start, die ersten von zwölf Raketen in seinem Rücken zünden. Unter lautem Heulen verschwindet der Raketenwagen RAK 1 in einer Rauchwolke. Nach nur acht Sekunden erreicht der RAK 1 Tempo 100, dann rollt das Fahrzeug aus. Nur drei Raketenpaare und eine einzelne Rakete haben gezündet, die Zündkabel der anderen fünf Raketen sind durchgebrannt. Trotzdem: die Fahrt wird zum Triumph einer neuen Technologie, die Zeitungs-Berichte sind getragen von Euphorie. Vom „betriebssicheren Amerikaflug“ und „dessen Weiterentwicklung zum Weltenraumschiff“ ist die Rede. „Raketenantrieb – ein erfolgreicher Versuch der Opel-Werke“, lautet ein Titel. Das Unternehmen ist in aller Munde, Fritz von Opel kündigt weitere Forschungen mit dem Ziel der bemannten Raumfahrt an und lässt Taten folgen.

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Am 23. Mai 1928 startet Fritz von Opel vor 3.000 geladenen Gästen aus Politik, Film und Wissenschaft zur Rekordfahrt. Mit 230 km/h fliegt das schwarz lackierte Experimental-Fahrzeug RAK 2 über die Berliner AVUS. Mit jedem Tritt aufs Gaspedal zündet Fritz von Opel die nächste Stufe des Antriebs, 24 Pulverraketen mit insgesamt 120 Kilogramm Sprengstoff katapultieren das Fahrzeug auf 238 km/h. Fritz von Opel ist ein Held und will nun Schiene und Luftraum erobern.

256 km/h erreicht am 23. Juni 1928 der unbemannte RAK 3 auf einem gesperrten Eisenbahngleisstück bei Burgwedel (Hannover) – neuer Weltrekord für Schienenfahrzeuge. Weitere Versuche mit einem Raketen-getriebenen Opel Motoclub-Motorrad sollen folgen, werden aber von den Behörden untersagt. Im September 1929 absolviert „Raketen-Fritz“ den ersten öffentlichen bemannten Raketenflug der Welt, mit dem Opel-Sander RAK 1-Flugzeug erhebt sich Fritz von Opel auf dem Flugplatz Frankfurt-Rebstock in die Luft und wird 150 km/h schnell. Der Vorstoß in den Weltraum hat begonnen. (gm)

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