Kommentar: Schafft sich Berlin als Weltstadt ab?

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LOL! Einem Krankenhaus in der City stehe künftig pro sechs Betten lediglich ein ganzer Pkw-Stellplatz zu

(Wolfram Riedel/Autoreporter.NET) Heilige Einfalt! Der Berliner Senat hat allen Ernstes vor, im innerstädtischen Bereich per Verordnung das Angebot an Pkw-Stellplätzen vor Restaurants, Hotels, Supermärkten, ebenso vor Krankenhäusern und etwa auch „vor Büros von Freiberuflern“, wie in der „Berliner Morgenpost“ zu lesen ist, drastisch zu reduzieren und bestimmte „Obergrenzen“ festzulegen…

Zum Teil sei künftig nur noch ein Zehntel der bisher üblichen Parkflächen zulässig, schlussfolgert die Zeitung. Sie hat Beispiele parat: Ein Supermarkt soll pro 75 Quadratmeter Verkaufsfläche nur noch einen (!) Stellplatz bekommen, Vor einem Standarddiscounter mit 750 Quadratmeter Verkaufsfläche könnten die Kunden also nur noch zehn Wagen abstellen. Bei Restaurants soll von 16 Gästen nur einer vor dem Lokal parken können. Offenbar hat der einfältige Senat an alle gedacht: Hotels bekommen einen Stellplatz pro acht Betten, Krankenhäuser hingegen einen pro sechs Betten.

Näher würde die Vermutung liegen, die abstrusen Vorstellungen stammten aus der Büttenrede eines übermütigen Karnevalisten. Einmal mehr wird deutlich, zu welch verwegener Zahlenakrobatik Wunschdenken führen kann, das ideologisch geprägt ist und individueller Mobilität von vornherein wenig Raum lässt.

Angesichts des Vorhabens der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fragt man sich, wie viel Diktat sich Autobesitzer eigentlich noch gefallen lassen sollen. Überflüssigerweise bringt der Senat zur geistig-moralischen Vorbereitung der amtlichen Attacke auf innerstädtische Stellplätze auch noch Häme ins Spiel. Man solle eben „künftig zweimal darüber nachdenken müssen, ob man das Auto benutzen möchte“, wird der Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Mathias Gille, von der „Berliner Morgenpost“ zitiert.

Schon bei einmaligem Nachdenken sollte der Wortführer doch erkennen können, dass es zur Inanspruchnahme des eigenen Pkws, den sich die Leute weder zum Spaß noch zum Nulltarif vorhalten, häufig keine Alternative gibt. Im Übrigen dürfte der Wegfall eines großen Teils bisheriger Pkw-Stellplätze dazu führen, dass der innerstädtische Verkehr zunimmt. Wer länger sucht, „kreiselt“ entsprechend länger.

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Im bewussten Reduzieren von Pkw-Stellplätzen dürften erklärte Gegner der individuellen Automobilität lediglich eine erste Möglichkeit sehen, den motorisierten innerstädtischen Verkehr einzudämmen. Am liebsten würden sie wohl daran gehen, solches Vorhaben „nachhaltig“ umzusetzen, nämlich peu à peu einzelne Straßen sperren, um den verhassten Autoverkehr in der gefühlten Weltstadt Berlin endlich ganz zum Erliegen zu bringen. Beeindruckende Schritte in diese Richtung werden ja fortlaufend gemacht; etwa mit der fragwürdigen „Umweltzone“, in der die Luft nicht besser geworden ist, oder mit zunehmender „Parkraumbewirtschaftung“, die die Stadtkasse klingeln lässt. Im Gespräch ist bekanntlich auch ein flächendeckendes Tempolimit 30. Und da sind ja auch noch die Ampelanlagen in Berlin! Deren Hauptaufgabe scheint zu sein, Rote Wellen zu garantieren. Man kann das allerdings auch rein technisch sehen. Schließlich müssen sich teure Start-Stopp-Systeme, wie sie derzeit in Pkws Karriere machen, beweisen können.

Gegen die realitätsferne Überregulierung des Pkw-Verkehrs in der Berliner City laufen Wirtschaftsverbände Sturm. Sie sehen vor allem gravierende Nachteile für den Einzelhandel und das Gastgewerbe. Noch ist das letzte Wort bei der „Stellplatzobergrenzenverordnung“ nicht gesprochen.

Verrückt genug, dass der Senat der Hauptstadt doch tatsächlich ausrechnete, einem Krankenhaus in der City stehe künftig pro sechs Betten lediglich ein ganzer Pkw-Stellplatz zu! Man fragt sich, welche Komponenten bei den vorgenommenen Rechenoperationen eine Rolle spielten. Unklar bleibt auch, ob die Betten belegt sein müssen. (Auto-Reporter.NET/Wolfram Riedel)

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