Yangwang U9 – Eindrücke eines Testfahrers
Ein Hypercar aus China, das Erwartungen sprengt
Der Yangwang U9 tritt nicht an, um sich hinter Porsche, Ferrari oder Bugatti zu verstecken. Das elektrische Hypercar aus dem BYD?Kosmos beansprucht mit 496 km/h den Titel als schnellstes Serienfahrzeug – zumindest laut Werksangabe. Der Anspruch ist hoch, der Auftritt selbstbewusst, doch nicht jeder Eindruck wirkt frei von Fragezeichen.
Rekorde in Papenburg und auf der Nordschleife
Auf dem Hochgeschwindigkeitsoval in Papenburg setzte der U9 Extreme seine erste Duftmarke. Kurz darauf folgte die Nordschleife, wo das über 3000 PS starke Modell in 6:59,157 Minuten eine neue Bestzeit für elektrische Serienfahrzeuge setzte. Am Steuer: Moritz Kranz, ein erfahrener Pilot mit zehntausenden Runden Erfahrung. Beeindruckend – aber auch ein klarer Hinweis darauf, wie viel Elektronik und Rechenleistung hier mitfährt.
Erste Begegnung auf der Rennstrecke
Der zivile Yangwang U9 zeigt sich in Zhengzhou als technisches Statement. Vier Elektromotoren liefern zusammen rund 1300 PS. Das klingt nach Überfluss – und fühlt sich auch so an. Die ersten Meter wirken harmlos, doch ein etwas tieferer Pedalweg genügt, um die massive Beschleunigung freizusetzen. 100 km/h in etwa 2,4 Sekunden sind eine Ansage, die sonst nur Fahrzeuge im Millionenbereich liefern.
Fahrdynamik – Präzision statt Emotion
Das Allradsystem verteilt die Kräfte permanent neu. Jeder Motor arbeitet für ein einzelnes Rad, gesteuert durch ein komplexes Modell, das Haftung und Neigung in Echtzeit berechnet. Das Ergebnis: Stabilität, die fast schon unnatürlich wirkt. Die Lenkung ist präzise, aber gefiltert. Klassisches Fahrgefühl rückt in den Hintergrund, ersetzt durch eine eher analytische Art der Kontrolle. Wer mechanische Rückmeldung sucht, wird hier nicht fündig.
Fahrwerk und Gewicht – beeindruckend, aber nicht unsichtbar
Das adaptive Fahrwerk mit aktivem Niveausystem eliminiert Nick- und Wankbewegungen fast vollständig. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten bleibt die Karosserie ruhig. Auf schlechten Belägen überrascht der U9 mit Komfort. Dennoch: Die 2,5 Tonnen lassen sich in engen Kurven nicht wegdiskutieren. Traktion und Agilität überzeugen, doch die Physik bleibt spürbar.
Innenraum – funktional, hochwertig, aber wenig emotional
Drei Bildschirme dominieren das Cockpit, ergänzt durch einige physische Tasten. Die Materialien wirken hochwertig, aber eher nüchtern. Die Rundumsicht ist eingeschränkt, das Raumgefühl kompakt. Die Sitzposition ist tief, das Lenkrad klein – alles klar auf Kontrolle ausgelegt. Ein Hauch von Luxus ist vorhanden, doch echte Faszination entsteht eher durch Technik als durch Atmosphäre.
Akkutechnik und Ladeleistung
Der 80?kWh?Akku ist Teil der tragenden Struktur. Das erhöht die Steifigkeit, aber auch das Gewicht. Realistisch sind 400 bis 450 Kilometer Reichweite, abhängig von Temperatur und Fahrweise. Mit über 350 kW Ladeleistung lässt sich der Akku in rund 20 Minuten auf 80 Prozent bringen. Für ein Hypercar ist das solide, doch der U9 bleibt ein Fahrzeug für kurze, intensive Einsätze – kein Langstreckenbegleiter.
Bremsen und Rekuperation
Die Keramikbremsanlage zeigt selbst bei wiederholten Hochgeschwindigkeitsmanövern keine Schwächen. Das Pedalgefühl bleibt stabil, die Übergänge zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse sind sauber abgestimmt. Hier zeigt sich die Reife des Systems – ein Bereich, in dem viele E?Sportwagen noch kämpfen.
Akustik – Zurückhaltung mit kleinen Schwächen
Der künstliche Innenraumsound wirkt eher wie ein Pflichtprogramm und weniger wie ein emotionales Element. Er bleibt dezent, aber nicht frei von Nervpotenzial. Der eigentliche Reiz entsteht ohnehin nicht durch Klang, sondern durch die brutale Beschleunigung und die präzise Kontrolle. Drama sucht man vergeblich – der U9 setzt auf Berechnung statt Leidenschaft.
Fazit – Der Yangwang U9 als technisches Statement
Der Yangwang U9 zeigt, wie weit sich Elektromobilität von reiner Zweckmäßigkeit entfernt hat. Keine nostalgischen Anklänge, kein künstliches Pathos – stattdessen ein Fahrzeug, das technische Kompetenz demonstriert. Er ist kein Massenprodukt, sondern ein Versuchsträger auf Serienniveau. Beeindruckend, aber nicht frei von Kritikpunkten. Ein Hypercar, das fasziniert, ohne emotional zu verführen. (we/aum)(Fotos: Yangwang via aum)

