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Autodinos Kurzgeschichte zum Wochenende – Elektronische Intelligenz

Autodino war nicht immer Autodino. Okay. Ich oute mich. Ich habe früher Kurzgeschichten geschrieben und 50 Zoll Blas ma Fernseher repariert, wie man sieht. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Keine Ahnung, aber lest selbst…

Es war Donnerstag und wie an jedem Donnerstag machte ich mich gegen halb Acht auf den Weg ins Pik Aß, um an unserem allwöchentlich wiederkehrenden Herrenabend teilzunehmen. Das dieser Abend nicht wie jeder andere Donnerstagabend verlaufen würde – eines „besonderen“ Gastes wegen, erhöhte meine Vorfreude auf unseren Stammtisch um ein Vielfaches. Ich hoffte nur mein hämisches Grinsen unterdrücken zu können – wenigstens sobald ich die Tür zum Pik Aß öffnen würde.

Normalerweise läuft jeder Stammtisch gleich ab. Ich komme meist zuletzt, während Tomas, Klaus und Harald zu dieser Zeit schon ihr erstes Bierchen intus haben. Dann unterhalten uns über Gott und die Welt – meist belanglose Sachen – bis einer von uns sagt: „So, es wird Zeit. Ich muss morgen wieder früh raus!“
Derjenige, der das sagt und sich mit dem Hinweis auf das frühe Aufstehen verabschiedet, ist fast immer Harald. Dabei verflucht er seinen Mentor, der seine Vorlesungen immer zu nachtschlafender Zeit um 11.30 Uhr morgens hält.

Das dieser Abend anders als alle anderen verlaufen sollte, hatten wir Werner zu verdanken. Er war ein alter Schulfreund, den wir für etliche Jahre aus unserem Blickfeld verloren hatten und der für diesen Donnerstagabend sein Kommen zu unserem Stammtisch zugesagt hatte. Ich hatte ihn unter der Woche zufällig beim Einkaufsbummel in der Stadt getroffen und ihn natürlich gleich zu unserem Herrenabend eingeladen.
Er tat mir jetzt schon leid. Bereits während unseres kurzen Gesprächs in der Stadt bemerkte ich, dass er immer noch so „zurückgeblieben“ zu sein schien, wie er es zur Schulzeit war. Er war nie der Hellste und eigentlich war es die reine Schadenfreude, weshalb ich ihn zu unserem Männertreffen einlud. Aber macht ja nichts, dachte ich in mich hineingrinsend, Werner war es ja gewohnt, dass man sich auf seine Kosten amüsierte.

Ich kam wie üblich zu spät zu unserem Treffen, während meine Freunde schon alle gemütlich beisammen saßen. Und wie erhofft, war auch unser Gast da. Werner war umringt von den anderen und mich wunderte nur, dass keiner lachte, als ich an den Tisch trat.

„Na Werner, wie geht’s? Hab’ Dein Fahrrad gar nicht gesehen“ spöttelte ich, als ich näher an den Tisch kam.
„Er fährt Porsche“, erwiderte Harald trocken.
„Hallo Ralf“, grüßte Werner lächelnd. „Setz’ Dich doch!“
„Naja, die Dinger kriegt man ja gebraucht recht günstig“, sagte ich, nachdem ich die Sprache wieder gefunden hatte.
„Von wegen, der ist nagelneu. Werner ist schwer im Geschäft. Er verkauft Informationen!“ klärte Tomas mich auf.
„Wissen“, korrigierte Werner. „Ich verkaufe Wissen! Zu jeder Zeit!“
Jetzt konnte ich nicht mehr an mich halten. „Sei mir nicht böse, Werner. Aber auch wenn Du – gezwungenermaßen – noch so lange in der Schule warst…Du und Wissen?!“ Ich brach in schallendes Gelächter aus. „Du und Wissen?“ wiederholte ich lachend und sah meine Freunde an von denen merkwürdigerweise keiner auch nur einen Mundwinkel verzog.
„Ich beweise es Dir. Stell’ mir eine Frage!“
„Ich will Dich nicht blamieren…“
„Stell’ mir eine Frage!“ wiederholte Wissens-Werner energisch.
„Also gut, wenn du unbedingt willst! Ich beginne mit einer einfachen Frage: Was versteht man unter dem Pleistozän?“

Ich vermutete, ich würde sein Gehirn bereits mit dieser Frage überfordern und fing unwillkürlich an zu grinsen.
Er machte einen nachdenklichen Eindruck, sah kurz auf seine Uhr und sagte knapp: „Eiszeitalter!“
Na gut. Das war ja noch eine leichte Frage aber wo liegt das Marmarameer?“
Ich hatte davon einmal in einem Reisebericht gelesen und wusste es selbst nicht mehr genau. Woher sollte der Ex-Schul-Dummie es dann verdammt noch Mal wissen?

Erneut legte Werner seine Stirn in Falten, man sah ihm an wie er überlegte und wie er erneut kurz auf seine Uhr blickte und knallhart antwortete: „Marmarameer, zwischen Bosporus und Dardanellen gelegen. 280 km lang und bis 80km breit.“
Ich war sprachlos. Ich schluckte. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Ich würde es diesem Angeber schon zeigen: „Bekanntlich warst du ja ein Aß in Chemie, Werner, zischte ich zerknirscht. Dann nenn’ mir doch mal die Formel von Hydrazin.“ Jetzt hatte ich ihn. Jetzt  war er mit seinen Zufallstreffern am Ende. Da war ich mir sicher.

Man spürte förmlich wie er innerlich kochte. Er wand sich, holte mehrfach tief Luft, stützte seinen hohlen Kopf auf die Stirn, sah auf seine Uhr und antwortete gelassen: „Hydrazin, Stickstoff-Wasserstoffverbindung, H2N-NH2. Stark reduzierender, farbloser Ausgangsstoff für Hydrazonfarbstoffe, Medikamente und Schädlingsbekämpfungsmittel!“
Nun saßen wir da, meine Freunde mit offenen Mündern und ich, der nicht glauben konnte, was er soeben erlebt hatte.

„Schön, schön. Aber jetzt sag mir eins. Wie kommst ausgerechnet Du – ich meine – wie kommt man nur zu diesem Wissen?“
„Sag’ ich Dir gerne“, lächelte Werner mitleidsvoll zu mir herüber, nachdem er mich am Boden zerstört sah. Ich betreibe sehr viel Sport, wisst ihr. Ich rauche nicht und trinke nur sehr wenig Alkohol!“
„Ahh ja, interessant! Und das allein – ?“
„Wohl kaum. Ich bin auch sonst körperlich sehr aktiv, wenn ihr wisst, was ich meine“, sagte er und grinste über das ganze Gesicht.
„Ich verstehe.“
„Ja. Ich stehe früh auf und gehe zeitig zu Bett. Ich lese sehr viel. Zeitungen, Bücher, alles…! Und außerdem – „
„Außerdem?“ unterbrach ich ihn atemlos und voller Neid.

„Außerdem“, flüsterte er kaum hörbar, „außerdem trage ich meine Computeruhr XP57 am Handgelenk. Mit integriertem Lexikon versteht sich!“ (Copyright Autodino)

2 Kommentare

    1. Nirgends. Hier hat mich ein Fernsehtechniker-Azubi bei der Arbeit fotografiert. Ich hatte mal einen eigenen 50 Zoll Blas mal Fernseher. Und als der kaputt war, habe ich den repariert, wollte ich. Wie man sieht… Hab mir dann aber jetzt doch einen Neuen geholt!

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