Polestar 3 Long Range Test – Schwedisches Elektro-SUV zwischen Anspruch und Realität
Der Polestar 3 Long Range Test offenbart ein ambivalentes Bild: Während die schwedische Marke mit beeindruckenden 706 Kilometern WLTP-Reichweite wirbt, zeigt die Praxis durchaus Schwächen auf. Das neue Long-Range-Modell des bereits 2023 gestarteten Elektro-SUV soll mit Heckantrieb und 299 PS überzeugen – doch rechtfertigt das den stolzen Preis von 79.800 Euro?
Antrieb und Leistung – Heckantrieb als Kompromiss
Im Polestar 3 Long Range Test zeigt sich der Heckantrieb als zweischneidiges Schwert. Die 220 kW (299 PS) reichen zwar für eine ordentliche Beschleunigung von 7,8 Sekunden auf 100 km/h, wirken aber für ein 2,4 Tonnen schweres SUV eher konservativ dimensioniert. Zum Vergleich: Der Allradantrieb-Bruder leistet 380 kW – ein deutlicher Unterschied, der beim Long Range durch die Fokussierung auf Effizienz erklärt wird.
Das maximale Drehmoment von 490 Nm sorgt immerhin für kraftvollen Antritt aus Kurven. Dennoch bleibt der Eindruck, dass Polestar hier bewusst auf Leistung verzichtet hat, um die Reichweitenwerte zu optimieren.
Reichweite und Verbrauch – Theorie trifft Praxis
Die beworbenen 706 Kilometer WLTP-Reichweite klingen verlockend, doch der Polestar 3 Long Range Test zeigt die üblichen Diskrepanzen zur Realität. Mit einem Normverbrauch von 17,6 bis 20,3 kWh pro 100 Kilometer bewegt sich das SUV im erwartbaren Bereich für ein Fahrzeug dieser Größe. In der Praxis werden jedoch eher 500 bis 600 Kilometer realistisch sein – immer noch respektabel, aber weit entfernt von den Marketingversprechen.
Besonders kritisch wird es beim Anhängerbetrieb: Die maximale Anhängelast von 1500 kg ist zwar praxistauglich, reduziert die Reichweite aber erheblich. Hier rächt sich das hohe Leergewicht von mindestens 2403 kg.
Fahrverhalten und Komfort – Solide Grundlage mit Schwächen
Die Testfahrt in der Lüneburger Heide bestätigt die solide Verarbeitung des Polestar 3. Selbst auf Kopfsteinpflaster bleibt das SUV ruhig und komfortabel. Die Stahlfedern meistern auch schlechtere Straßenbeläge ohne Klagen oder störende Nebengeräusche.
Allerdings offenbart sich hier auch eine Schwäche des Konzepts: Während deutsche Premium-Konkurrenten längst auf Luftfederung setzen, bleibt Polestar bei der konventionellen Stahlfederung. Das ist kostengünstiger, bietet aber weniger Komfort- und Abstimmungsmöglichkeiten.
Platzangebot und Praktikabilität – Hier überzeugt der Schwede
Beim Raumangebot zeigt sich der Polestar 3 Long Range Test von der besten Seite. Die 4,90 Meter Länge werden effizient genutzt: 484 Liter Kofferraumvolumen beim Heckantrieb sind ordentlich, mit umgeklappter Rücksitzbank werden es sogar 1411 Liter. Der zusätzliche Stauraum im Kofferraumbodens und der Frunk unter der Fronthaube erhöhen die Praktikabilität spürbar.
Besonders positiv fällt der lange Radstand von 2,99 Metern auf, der für großzügige Platzverhältnisse im Fond sorgt. Hier können auch Erwachsene längere Strecken bequem zurücklegen.
Ladetechnik – Schnell, aber nicht überragend
Die Ladetechnik des Polestar 3 Long Range bewegt sich im Mittelfeld: 250 kW DC-Ladeleistung sind heute Standard, ebenso wie 11 kW AC-Laden. Die versprochenen 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent Ladung sind realistisch, setzen aber optimale Bedingungen voraus.
Kritisch zu bewerten ist die Batterieherkunft: Die NMC-Zellen von CATL aus China sind kostengünstig, aber die Abhängigkeit von chinesischen Zulieferern bleibt problematisch. Positiv ist immerhin der reduzierte Kobalt-Anteil von nur noch zehn Prozent.
Infotainment und Ausstattung – Moderne Technik mit Kinderkrankheiten
Das Infotainmentsystem überzeugt grundsätzlich durch intuitive Bedienung und kabellose Smartphone-Integration. Die Funktion als digitaler Schlüssel ist praktisch, wenn auch nicht revolutionär. Polestars Behauptung, das „erste Software-Defined Vehicle aus Europa“ zu sein, wirkt jedoch übertrieben – andere Hersteller bieten ähnliche Funktionen bereits seit Jahren.
Das Audiosystem zeigt die typische Premium-Abstufung: Standard mit zehn Lautsprechern und 300 Watt ist solide, das Bowers & Wilkins System mit 25 Lautsprechern und 1600 Watt kostet extra. Die „Abbey Road“-App ist ein nettes Gimmick, rechtfertigt aber kaum den Aufpreis.
Produktion und Preis – Strategische Entscheidungen mit Folgen
Die Produktion in den USA für den europäischen Markt umgeht geschickt die Anti-Dumping-Zölle auf chinesische Elektroautos. Dennoch bleibt der Polestar 3 Long Range Test beim Preis ernüchternd: 79.800 Euro sind alles andere als ein Schnäppchen, auch wenn das Design durchaus überzeugt.
Interessant wird es bei der Dienstwagenbesteuerung: Modelle unter 60.000 Euro Bruttolistenpreis profitieren von der 0,25-Prozent-Regelung statt einem Prozent. Hier bietet Polestar günstigere Varianten an, die für Flottenmanager attraktiv sein könnten.
Fazit – Solider Skandinavier mit Kompromissen
Der Polestar 3 Long Range Test zeigt einen technisch soliden, aber nicht außergewöhnlichen Elektro-SUV. Die Reichweite ist praxistauglich, der Antrieb ausreichend kraftvoll und die Verarbeitung überzeugend. Schwächen offenbaren sich beim Preis-Leistungs-Verhältnis und der konventionellen Federung.
Wer nordisches Design schätzt und hauptsächlich Langstrecken fährt, findet im Polestar 3 Long Range einen kompetenten Partner. Für alle anderen bietet die Konkurrenz oft bessere Alternativen zum gleichen Preis. (Fotos: Polestar via Autoren-Union Mobilität)
Technische Daten Polestar 3 Long Range
| Abmessungen (L x B x H) | 4,90 x 1,97 x 1,62 m |
| Radstand | 2,99 m |
| Antrieb | Elektrisch, Heckantrieb |
| Leistung | 220 kW / 299 PS |
| Max. Drehmoment | 490 Nm |
| Höchstgeschwindigkeit | 180 km/h |
| Beschleunigung 0-100 km/h | 7,8 Sekunden |
| WLTP-Verbrauch | 17,6-20,3 kWh/100 km |
| Batteriekapazität | 111 kWh netto |
| Leergewicht | ab 2403 kg |
| Kofferraumvolumen | 484-1411 Liter |
| Max. Anhängelast | 1500 kg |
| Basispreis | 79.800 Euro |