Hyundai Ioniq 9 Test: Angriff auf die Premium-Liga mit gemischten Karten
Nach dem erfolgreichen Kleinwagen Inster wagt Hyundai mit dem Ioniq 9 den Sprung ins Premium-Segment. Der Elektro-SUV tritt gegen etablierte Konkurrenten wie Mercedes EQS SUV, Volvo EX90 und den bereits bewährten Konzernbruder Kia EV9 an. Ein ambitioniertes Unterfangen in einem Marktsegment, das wenig Spielraum für Kompromisse lässt.
Hyundai Ioniq 9 Test: Preispolitik als Hauptargument
Das Geschäft mit elektrischen D-SUV läuft hauptsächlich über Dienstwagen – 80 Prozent der Zulassungen gehen an gewerbliche Nutzer. Hyundai reagiert mit aggressiven Leasing-Konditionen: Ab 449 Euro netto für das Basismodell, Privatkunden zahlen 599 Euro brutto bei rund 1500 Euro Anzahlung. Die Kaufpreise beginnen bei 68.500 Euro. Ob diese Strategie gegen die Premium-Konkurrenz ausreicht, wird sich zeigen müssen.
Design: Eigenständig, aber nicht revolutionär
Der 5,06 Meter lange Ioniq 9 geht beim Design einen anderen Weg als der kantige Kia EV9. Glatte Flächen, rundere Formen und ein coupéhaftes Heck prägen das Erscheinungsbild. Das sogenannte Boat-Tail-Design soll aerodynamische Vorteile bringen – der cW-Wert von 0,27 (mit digitalen Außenspiegeln 0,26) ist respektabel, aber nicht außergewöhnlich. Die LED-Pixel-Lichtsignaturen folgen der bekannten Ioniq-Designsprache.
Fahrdynamik: Überraschend agil für einen 2,7-Tonner
Hier überrascht der Ioniq 9 positiv. Trotz 2,7 Tonnen Leergewicht bewegt sich der Elektro-SUV erstaunlich leichtfüßig. Die tief montierte Batterie hilft dabei, aber auch das Fahrwerk zeigt solide Arbeit. Ohne adaptives Luftfahrwerk müssen selbstnivellierende Dämpfer und eine automatische Niveauregulierung an der Hinterachse ausreichen. Das Torque Vectoring System verteilt die Antriebskraft aktiv in Kurven.
Die Lenkung ist direkter als erwartet, auch ohne Hinterachslenkung wirkt der Große überraschend kompakt. Beim Rangieren in engen Gassen wünscht man sich dennoch eine Hinterachslenkung – ein Manko gegenüber manchen Konkurrenten.
Antriebsleistung: Von ausreichend bis übertrieben
Drei Antriebsvarianten stehen zur Wahl, alle mit 110-kWh-Batterie. Der Einstieg mit 160 kW (218 PS) und Hinterradantrieb beschleunigt in 9,4 Sekunden auf Tempo 100 – ausreichend, aber nicht beeindruckend. Die Allradvariante mit 226 kW (307 PS) schafft 6,7 Sekunden, die Performance-Version mit 315 kW (428 PS) sprintet in 5,2 Sekunden auf 100 km/h. Bei einem Familienfahrzeug dieser Größe wirkt letztere Option eher wie Technik-Demonstration denn praktischer Nutzen.
Reichweite und Ladetechnik im Hyundai Ioniq 9 Test
Die Reichweite von bis zu 620 Kilometern (WLTP) beim Heckantrieb ist konkurrenzfähig, realistisch sind etwa 500 Kilometer. Die 800-Volt-Technologie ermöglicht Ladeleistungen bis 233 kW, ein Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent soll unter Idealbedingungen 24 Minuten dauern. Batterie-Vorkonditionierung und intelligenter Routenplaner sind serienmäßig dabei – Standard, der heute selbstverständlich sein sollte.
Raumangebot: Hier punktet der Ioniq 9
Der Innenraum ist eine Stärke des Ioniq 9. Mit 3,13 Metern Radstand bietet er allen Insassen großzügigen Platz. Die zweite Reihe kann mit Relax-Sitzen oder drehbaren Einzelsitzen konfiguriert werden. Auch die dritte Reihe ist für Erwachsene nutzbar, was nicht selbstverständlich ist. Bei umgeklappten Sitzen entstehen bis zu 2494 Liter Ladevolumen – ein beeindruckender Wert.
Cockpit: Gelungener Mix aus Digital und Analog
Das Cockpit verbindet zwei 12,3-Zoll-Displays mit erfreulich vielen physischen Knöpfen. Eine Wohltat für alle, die nicht jedes Menü erst erlernen wollen. Die Sitze bieten Heizung, Belüftung und Massagefunktion. Materialwahl und Verarbeitung bewegen sich auf hohem Niveau, auch wenn der Getriebeschalter am Lenkrad etwas altmodisch wirkt.
Geräuschkomfort: Leise, aber nicht lautlos
Wind- und Abrollgeräusche bleiben niedrig, das optionale Bose-Soundsystem mit aktiver Geräuschunterdrückung sorgt für zusätzliche Ruhe. Ein fast flüsterleises Fahrerlebnis entsteht – ideal für lange Strecken.
Sicherheit: Vollständiges Assistenzsystem-Paket
Das „SmartSense“-Paket ist serienmäßig dabei und umfasst alle relevanten Assistenzsysteme. Je nach Ausstattung kommen weitere Helfer hinzu. Standard, der heute erwartet wird.
Ausstattung und Preise: Konkurrenzfähig kalkuliert
Die Preise beginnen bei 68.500 Euro für den Heckantrieb, das Allradmodell kostet zwischen 81.500 und 84.750 Euro, die Performance-Variante 86.750 Euro. Schon die Basisausstattung ist ordentlich, die Topausstattung „Uniq“ bietet Nappaleder-Sitze und weitere Extras.
Fazit zum Hyundai Ioniq 9 Test
Der Ioniq 9 ist ein solider Elektro-SUV, der durch Raumangebot und überraschende Fahrdynamik überzeugt. Ob das reicht, um gegen die etablierte Premium-Konkurrenz zu bestehen, bleibt abzuwarten. Die aggressive Preispolitik könnte helfen, aber allein der Preis macht noch kein Premium-Fahrzeug. Hyundai liefert ein rundherum stimmiges Paket ab, das jedoch wenig Emotionen weckt – in diesem Segment ein nicht zu unterschätzender Nachteil. (aum)(Fotos: Stellantis)
Technische Daten: Hyundai Ioniq 9 AWD Performance
| Länge x Breite x Höhe | 5,06 x 1,98 x 1,79 m |
| Radstand | 3,13 m |
| Antrieb | 2 E-Synchronmotoren, Allradantrieb |
| Systemleistung | 315 kW / 428 PS |
| Max. Drehmoment | 700 Nm |
| Höchstgeschwindigkeit | 200 km/h |
| Beschleunigung 0-100 km/h | 5,2 Sekunden |
| Energieverbrauch (WLTP) | 20,6 kWh/100km |
| Batteriegröße | 110 kWh |
| Ladeleistung | 11 kW AC / 233 kW DC |
| Reichweite (WLTP) | 600 km |
| Leergewicht | ab 2689 kg |
| Kofferraumvolumen | 338-2494 Liter |
| Basispreis | 86.750 Euro |