Humoresken_opa

Das Auto – Des Deutschen liebstes Kind. Humoreske

Des Deutschen liebstes Kind ist, wie könnte es anders sein, das Auto. Es wird gehegt und gepflegt, gehätschelt und verwöhnt. Manchmal sogar mehr als die eigene Ehefrau und es soll sogar schon einmal vorgekommen sein, dass eine Ehefrau aus Eifersucht den Wagen ihres Mannes erschoss. Ich für meinen Teil bin ein ganz normaler Autofahrer, wie die meisten anderen auch. Frei von jeglichen Wasch- und Putzzwängen, pflege ich meinen vierrädrigen Freund nur dann, wenn er es auch wirklich nötig hat. Jeden Samstag pünktlich um zehn. Es ist, man mag darüber lächeln, einfach die beste Zeit dafür.

Es gibt jedoch auch Samstage, an denen unser Wagen vortäuscht, rein äußerlich natürlich, sauber zu sein. Dann ist es eben mit einer oberflächlichen Suche nach Schmutz nicht mehr getan und jeder Samstagswäscher weiß, dass wer sucht, auch findet. Und zwar meist im Kofferraum unter dem Reserverad.

Ich selbst hatte nur einmal samstags das Pech, dass mich mein Auto vor Sauberkeit nahezu blendete. Ratlos, mit einem Eimer Wasser in der Hand, stand ich davor. Wie ein Besessener suchte ich an allen Ecken und Enden, Kanten und Leisten, doch so sehr ich auch suchte, ich fand keine Stelle die es wert wäre, den Schwamm auch nur anzusetzen.

Um den Wagen wäschelosen Samstag dennoch nicht sinnlos verstreichen zu lassen, fuhr ich in die Stadt zu Pokorny, einem Händler für Automobilzubehör. Leider war sein Geschäft verschlossen, weil er, so ein Hinweisschild an der Tür, im Hinterhof dringende Arbeiten zu erledigen habe. Also ging ich um den Block, erreichte eine halbe Stunde später den Hinterhof und traf Pokorny bei der Wagenwäsche an.

„Hör zu“, unterbrach ich seine dringenden Arbeiten, „sieh dir mal meinen Wagen an.“

„Warum, was ist mit ihm?“

„Ich möchte nur das Urteil eines Fachmannes hören“, antwortete ich und schlenderte mit Pokorny zurück zu meinem Wagen.

„Wie findest du ihn?“ Glaubst du, dass ihm etwas fehlt?“

„Naja, oberflächlich betrachtet ist er vielleicht –„

„Ja?“

„Aber im Inneren“, fuhr er fort, nachdem er eine Türe geöffnet hatte. „Also ich würde es nicht wagen, jemanden mitzunehmen. Bei diesem Interieur!“

Ich erbleichte. Pokorny war ein Sachkundiger und wenn er so etwas sagt, dann kann man ihm bedenkenlos glauben.

„Das Armaturenbrett“, fuhr er fort, „glanzlos und matt! Die Fußmatten – trist und altmodisch. Die Schonbezüge aus der Vorkriegszeit. Sag‘ mal Ralf, ein bisschen solltest du deinen Wagen schon pflegen!“

Seine Blicke sprachen Bände. Wie hatte es nur zu dieser Verwahrlosung meines automobilen Freundes kommen können. Ich hatte doch pünktlich jeden Samstag nach ihm gesehen. War ich denn blind? Und was mögen wohl meine Mitfahrer die ganze Zeit von mir gedacht haben? Ich war niedergeschlagen. Zwar wusste ich, dass mit meinem Auto etwas nicht in Ordnung war, aber das es so schlimm war, hatte ich nicht gedacht.

„Was kann ich tun?“ fragte ich den Meister aller Otto- und Dieselkraftwerke.

„Mal sehen“, antwortete er nachdenklich, öffnete sein Geschäft und nahm mich mit hinein. „Du brauchst also mindestens einmal diesen Armaturenhochglanzverstärkerspray, die selbstreinigenden, blau glänzenden Schweißabsorberfußmatten, diese Zusatzheizung hier, eine Klimaanlage, die elektrischen Fensterheber, eine Anhängerkupplung –„

„Aber ich habe keinen Wohn – „

„Spielt keine Rolle, ist im Angebot“, antwortete er freundlich. „Also dann noch die Zehnklangfanfare, ein aufblasbares Ersatzlenkrad, acht neue Reifen und diesen neuen Sprit sparenden Motor.“

Nachdem er alles mühsam zusammengekarrt hatte, begann er die Rechnung anhand eines Großcomputers zu erstellen.

„So“, seufzte er nach einer Weile angestrengten Schreibens. „Für zusammen nur 11.345.- DM (als ich diese Kurzgeschichte schrieb gab es noch keinen Euro), kannst du dich endlich wieder auf der Straße sehen lassen. Und das Beste, den Hochglanzspray, habe ich dir nicht berechnet!“

So ist er eben. Ein Fachmann und Freund, dieser Pokorny. Dankbar bezahlte ich und mietete mir nebenan einen Kleinlaster um die Sachen nach Hause zu bringen.

Zu meiner Überraschung erlitt meine Frau einen mittleren Schock, als ich das gerade frisch erworbene Autozubehör ablud, ließ sich jedoch mit der kostenlosen Dreingabe des hochverstärkten Sprays wieder besänftigen.

„Auch ein Auto verlangt eben ein Mindestmaß an Pflege und Zuneigung,“ sagte ich zu ihr. „Ein paar Kleinigkeiten muss man schon investieren, schließlich können wir uns nicht jedes Jahr einen neuen Wagen leisten!“

„Und was haben diese Kleinigkeiten gekostet?“

Ich weiß auch nicht, warum ich mit der Beantwortung dieser Frage ein wenig zögerte, war ich doch kurz zuvor von Pokorny überzeugt worden. Und er ist schließlich ein…

„Also?“

„Also was?“

„Was diese Kleinigkeiten gekostet haben?“

„Der Spray war umsonst.“

„Ralf -.“

Um es kurz zu machen sei hier erwähnt, dass ich nach Beantwortung dieser Frage nicht unerhebliche Schwierigkeiten mit meiner Gattin bekam. Und mittlerweile kann ich mir denken, von wem der Ausspruch: „Frauen und Technik – zwei Welten“, stammt.

Mit Sicherheit von einem Kunden von Pokorny!

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