Vor 80 Jahren: Steher-Weltrekord von Léon Vanderstuyft

Vor 80 Jahren: Steher-Weltrekord von Léon Vanderstuyft

Opel und Rennsport? Da denkt man an Motorsportveranstaltungen wie die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft, das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring oder die legendären Rallye-Erfolge. Doch bekannt wurde der heutige Autohersteller im Rennsport schon viel früher – und zwar mit einem nicht-motorisierten Gefährt: dem Fahrrad. In die Geschichte eingegangen ist zum Beispiel der Steher-Weltrekord, den Léon Vanderstuyft 1928 aufstellte. Vor genau 80 Jahren gelang dem Belgier der legendäre Erfolg auf zwei Rädern, der mehrere Jahrzehnte Bestand hatte…

122,771 Kilometer pro Stunde – Vanderstuyft rast zum Weltrekord
Bereits 1925 wird der Franzose Robert Grassin auf Opel Steher-Weltmeister. Doch die Rennen, bei denen die Sportler im Windschatten eines vorausfahrenden Motorrads spektakuläre Geschwindigkeiten erzielen, erreichen für Opel am 29. September 1928 auf der Autodrome Montlhéry bei Paris ihren Höhepunkt: Léon Vanderstuyft macht sich bereit zum waghalsigsten Unterfangen seines Lebens. Er will einen neuen Steher-Weltrekord aufstellen. Sein Arbeitsgerät: ein Fahrrad der Marke Opel, genauer: eine modifizierte ZR III-Rennmaschine mit 193 Zoll-Übersetzung.

Weltrekord: Am 29. September 1928, stellt der Belgier Léon Vanderstuyft hinter seinem Schweizer Schrittmacher Lehmann, auf einem Opel Rennrad den sensationellen Steher-Weltrekord von 122,771 km/h auf.

Sein Schrittmacher Lehmann startet den Motor – die Fahrt beginnt. 80, 90, 100 km/h, und er legt noch an Tempo zu. Im Windschatten des Motorrads erreicht Vanderstuyft schließlich eine halsbrecherische Geschwindigkeit von 122,771 Kilometern in der Stunde. Es ist geschafft: Mit schier unglaublichen Steherqualitäten bricht er den bis dato bestehenden Weltrekord. Dabei ist besonders herausragend, dass er innerhalb einer Stunde tatsächlich 122 Kilometer Fahrstrecke zurückgelegt hat. Einmal mehr bewahrheitet sich der Slogan „Fahre Opel, dann wirst du Meister!“, mit dem der zu dieser Zeit weltgrößte Fahrradhersteller selbstbewusst für seine Produkte wirbt.

Wien und ganz Europa – vom ersten Erfolg zur unglaublichen Siegesserie
Mit dem richtigen Gespür für das Potenzial des damals neuartigen Fortbewegungsmittels rollen 1886 zuerst Hochräder, 1887 dann die ersten Niederräder aus dem Rüsselsheimer Werk. Und bereits 1888 – im gleichen Jahr, in dem Opel die erste Fabrikhalle einweiht, die allein der Zweirad-Produktion vorbehalten ist – gewinnt Joseph Göbel am 31. Mai auf einem Opel-Hochrad in Wien die Meisterschaft von Österreich. Es war der Startschuss für einen steilen Aufstieg der Opel-Räder. Nur ein Jahr später erringt August Lehr, der bedeutendste Rennfahrer der damaligen Zeit, auf einem Hochrad in London die „Meisterschaft der Welt“. Für Opel der Wendepunkt, denn durch diesen Sieg ist der bis dahin noch immer vorherrschende Einfluss der englischen Fahrradindustrie nachhaltig gebrochen. Insgesamt bringt das Jahr 1889 dem Hause Opel 240 Siege, darunter 13 Meisterschaften.

„Die fünf Rüsselsheimer“ – Opel-Brüder stellen die Radsportszene auf den Kopf
Bester Werbeträger für die eigene Marke werden dabei die Opel-Söhne selbst: Die beiden Ältesten – Carl und Wilhelm Opel – tragen zu dieser Zeit bereits als Rennfahrer zum erfolgreichen Abschneiden der eigenen Räder bei. Vom 12. bis 15. Mai 1892 stellt Heinrich, Adam Opels dritter Sohn, auf einer „Victoria-Blitz-Tourenmaschine“ einen neuen Rekord auf. Für die Strecke von Paris nach Frankfurt am Main benötigt er nur 80,5 Stunden Fahrzeit und schlägt damit den drei Jahre zuvor anlässlich der Pariser Weltausstellung von August Lehr und Carl Opel auf „Opel-Blitz IV“ aufgestellten Rekord um 36 Stunden.

Doch dies ist erst der Anfang der sagenhaften Rennerfolge der Opel-Brüder, die in der Folgezeit als „die fünf Rüsselsheimer“ für Furore sorgen. Carl gewinnt insgesamt 60 erste Preise, Wilhelm 70, Ludwig über 100 und Heinrich landet 150 Mal auf der obersten Stufe des Siegerpodests. Erfolgreichster Opel-Fahrer wird Fritz mit über 180 ersten Plätzen. Einer seiner größten Triumphe ist der Sieg bei der 620 Kilometer langen Fernfahrt Basel-Cleve 1894. Die besten Straßenfahrer der Zeit nehmen am Wettkampf teil. Erstaunt ist man, den damals in der Radsportszene noch unbekannten neunzehnjährigen Fritz Opel im Teilnehmerfeld zu erblicken. Er setzt sich gegen das starke Wettbewerberfeld durch und passiert nach 28-stündiger Fahrt in Cleve als Erster das Ziel. Für seine überragende sportliche Leistung wird er mit dem von Kaiser Wilhelm II. gestifteten Ehrenpreis belohnt.

Fahrrad gegen Pferd – die Opel-Rennmaschine gewinnt das Duell
Ein Jahr zuvor gewinnt Joseph Fischer auf einem Opel-Rad die erstmals vom deutschen Radfahrer-Bund veranstaltete Fernfahrt „Wien-Berlin“. Fischer zählt zu den besten internationalen Straßenrennfahrern und nimmt auch verrückte Herausforderungen an. So kommt es, dass er am 8. September 1893 spektakulär auf einer Radrennbahn in München gegen das Traberpferd Flora I antritt. Fischer gewinnt das 4.000-Meter-Rennen mit mehr als fünf Sekunden Vorsprung – anschließend erteilt er dem Besitzer des Traberpferdes Radfahrunterricht. Elf Monate später wagt er sogar das Duell gegen den Amerikaner William Cody Junior, Sohn des berühmten Buffalo Bill. Wieder heißt es: Radfahrer gegen Reiter. Und wieder heißt der Sieger in allen drei ausgetragenen Rennen Joseph Fischer.

Im selben Jahrzehnt – genauer: 1897 – wird Willy Arend auf Opel Sprintweltmeister über eine englische Meile. Er geht mit diesem Sieg als der erste Profi-Weltmeister des deutschen Radrennsports in die Geschichte ein. Weitere Höhepunkte seiner Karriere sind die Europa-Meisterschaften 1897, 1898 und 1901 sowie der mit 8.000 Mark zu den höchstdotierten Radrennen zählende „Große Preis von Deutschland“, der in Berlin ausgetragen wird. Selbst im Alter von 45 Jahren steigt Arend immer noch unermüdlich aufs Rad und siegt 1921 in der Deutschen Profi-Sprintermannschaft.

Radsportlegenden auf ZR III – die Opel-Werksmannschaft der 20er Jahre
Mitte der 20er Jahre – zur gleichen Zeit als sich Opel zum weltweit größten Zweirad-Produzenten aufschwingt – unterhält das Rüsselsheimer Unternehmen ein Werksteam. Wo auch immer die gelbe Opel-Mannschaft erscheint, fährt sie an die Spitze; so auch bei den internationalen Straßenrennen „Rund um Zürich“, „Bern-Genf“ oder „Zürich-Chaux de Fonds“.

Das bedeutendste Ereignis, das Opel mit den gelben ZR III-Rennrädern wieder für sich entscheiden kann, ist die im August 1925 in Amsterdam ausgetragene Steher-Weltmeisterschaft. Aus ihr geht Robert Grassin als überlegener Sieger hervor. In ganz Europa eilt er von Sieg zu Sieg. Schon damals stellt Opel mit den „Zeppelin Rigid III“-Rädern (in Anlehnung an den ersten Zeppelin, der den Atlantik überquerte) sowie den darunter angesiedelten RAK 29 und RAK 30-Rädern (benannt nach den Raketenfahrzeugen, mit denen Opel international Medienecho erregte) Qualität unter Beweis.

Für 1926 und die folgenden Jahre gelingt es den Rüsselsheimern, weitere Spitzenfahrer für die Werksmannschaft zu verpflichten, unter ihnen die Belgier Jules van Hevel und Philippe Maurice Ville sowie die Italienier Belloni und Zanaga. Sprintweltmeister Jaap Meyer, der spätere Steher-Weltmeister Walter Sawall und viele andere bedeutende Bahnfahrer unterstützen das achtzehnköpfige internationale Team – die bisher größte Werksmannschaft der Unternehmensgeschichte. Höhepunkt Anfang der 30er Jahre: Im Mai 1931 wird als erstes Rennen seiner Art die von Opel veranstaltete internationale Deutschlandrundfahrt ausgetragen. Start und Ziel der 4.000 Kilometer langen Strecke ist Rüsselsheim. Sämtliche Fahrer starten auf Opel ZR III-Rennmaschinen, so dass nur Leistung und Ausdauer über das Ergebnis entscheiden. Die Großveranstaltung gilt als das radsportliche Ereignis des Jahres; Millionen Zuschauer verfolgen die spannenden Wettkämpfe vom Straßenrand aus.

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Die Fahrradproduktion bei Opel, und mit ihr die aktive Teilnahme am Profi-Rennzirkus, findet 1937 ihr Ende. (we)(foto:gm)

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